Eine Schweizer Kante – Ein Esstisch in der midlife-crisis

6 Jahre nach der weihnachtlichen Geburt des Esstisches aus massiver Kirsche ist es an der Zeit, das gute Stück zu revitalisieren, etwas zu verschlanken und ihm eine Schweizer Kante zu verpassen.

Wer kennt es denn nicht von sich selber, die Zeit vergeht, ja verrinnt fast und man gewöhnt sich an gewisse Umstände. So ging es wohl auch dem Kirschholztisch in unserem Wohnzimmer. Einst strahlte er in seidenmattem Glanz und strahlte rustikale Sicherheit aus. Er wanderte durch das Wohnzimmer und ertrug genügsam die Kinderhände, die ihm bei jedem Essen eine neue Schicht Joghurt, Spaghetti-Sauce oder – intern gerne genannt „Schmand“ – angedeihen ließ. Irgendwann verschwand der seidenmatte Glanz und wich einem speckigen Glänzen am Rand und ein müdes Glimmen in der Mitte. Ja sogar die Edelstahlfüße beschlossen irgendwann aufzugeben und setzten gepflegten Altersrost an.

Parallel dazu näherte sich Cultors Geburtstag, der ihm die nahende Lebensmitte entgegen schob. Erschreckt stellte Cultor frappierende Parallelen zwischen dem Tisch und sich selber fest. Er strich sanft über die mächtigen Kanten des Tisches und beschloss in diesem Moment, ihm etwas Liebe zukommen zu lassen.

6 Jahre treue Dienste und 2 Kinder überlebt

Hobel vs Schulter

Da der Nachwuchs alle 2 Stunden gefüttert werden muss, da ansonsten Ungemach droht, wurde der Tisch in der Nacht abgebaut und in die Werkstatt geschleppt. 50 kg feinste Kirsche – Früher hätte ich den Tisch die 6 Stockwerke heruntergetragen, auf die Werkbank gehievt und losgelegt. Diesmal bedankten sich meine Schultern mit 3 Tagen Schmerzen – wer sich nicht aufwärmt kriegt Schmerzen: actio = reactio

Dann noch einen Ersatztisch aus einer kleineren alten Werkbankplatte gezimmert. Die zähe Buche hat mit 4 der 6 Befestigungsschrauben kurzen Prozess gemacht, aber der Nachwuchs sollte lernen, dass es auch wackelige Tische im Leben gibt und dass ihr perfektionistischer Vater sich weiterentwickelt hat, und ein paar Tage mit einem wackeligen Tisch leben kann.

der wenig stabile Ersatztisch

Dann ging es an die schweißtreibenden Arbeiten des „Schmand-entfernens“. Zuerst mit 80 Körnung alles abschleifen. Die alten Gratleisten austreiben und die Hartölschicht entfernen. Holz hat eine wunderbare aber furchterregende Eigenschaft- es bleibt beweglich, obwohl es ein toter Stoff ist. Mit anderen Worten, die ganze Platte hatte sich geschüsselt wie man sagt, also durchgebogen. Die Gratleisten hatte Schlimmeres verhindert, aber ich erinnerte mich an die Geburt des Tisches und bereits damals war diese Tendenz klar feststellbar. Egal wie präzise man abrichtet und fügt, etwas unterschiedliche Faserdichte, Leimtrocknung oder Ölschichtdicke und schon beginnt das Holz, sich dem natürliche Drang hinzugeben zu Schrumpfen und somit sich zu bewegen.

Die Schultern schmerzten, der Getriebeschleifer kühlte gerade ab, um sich von den 3000 Joghurtschichten, die er gerade durchschliffen hatte, zu erholen, da zwinkerte Cultor frech aus der Werkstattecke der Handhobel zu… Es war ein epischer Kampf. Was gibt es Schöneres, als völlig übermüdet am Abend in ein paar Stunden bitter erkaufter „Freiheit“, von familiärer und arbeitstechnischer Pflicht entfernt, seine Schultergesundheit in einen Hobel zu investieren, um eine Tischplatte fast 6 mm abzuhobeln.

Schweizer Kante- der Spandex des Tisches

Nun war es an der Zeit, endlich einen lang gehegten Tischlertraum zu erfüllen, die myhten umwobene „Schweizer Kante“. Eine Schweizer Kante ist eine Schräge auf der Unterseite einer massiven Tischplatte, die diese wesentlich schlanker wirken lässt. Dabei verwendet man typischerweise einen 30° Winkel. Nachdem aber fast alle Sägen, sei es nun Tischkreissäge, Tauchsäge etc., meist nur maximal 45° schneiden können, muss man eine andere Methode wählen. Jahrelang hatte Cultor davon geträumt, Pläne geschmiedet, wie er sie wohl herstellen würde. Er wog das Für und Wider ab:

  • Mit der Hand hobeln – hohe Wahrscheinlichkeit eines kompletten Schulterschadens und 3 Monate kein Zähneputzen
  • Mit dem Elektrohobel – Gefahr des Ausreißens der Holzfasern zu groß
  • Mit einer konstruierten Fräsvorrichtung – keine Zeit für aufwendige Hilfsapparate, der Ersatztisch wackelt bedrohlich!
  • Mit einer überdimensionalen neuen Kreissäge, die eine hohe Schnitttiefe hat – geht nur bis 45 % und belastet das Budget; Erklärungsbedarf, warum man 4 Tauchsägen braucht gegenüber dem Familienmanagement
  • Hochkantschnitte auf der Tischkreissäge – schnell, erfolgversprechend- extrem gefährlich BINGO!

Für solche Fälle hat man Freunde! Unterschätzte nie die Bereitschaft von Männern, etwas extrem Dummes zu tun – das stärkt den sozialen Zusammenhalt der Y-Brüder ungemein.

Gedacht getan, Eine kleine wenig stabile horizontale Erweiterung für den Tischsägenanschlag gebaut, den Rollbock aufgestellt und nach 30 min war die Show vorbei und eine Schweizer Kante war mein Lohn. Eine 50 kg Massivholzplatte Hochkant auf einer 2cm breiten Auflage an einem sich mit 3000 u/min drehenden Kreissägeblatt zu schieben….was soll da schon schiefgehen? Überrascht, dass wir uns noch die Hände schütteln konnten, wurde der Freund verabschiedet und es ging nun an die nächsten Schritte.

Die Ecken mit der Fräse abrunden, die Kanten ebenfalls mit einem Fräser abrunden sowie Einschraubmuttern für die neuen Beine einsetzen. Schnell war auch der Entschluss gefasst, die alten Gratleisten durch versenkte Stahlgratleisten zu ersetzen. Diese lagen schon seit Jahren für genau diesen Tag bereit. Mit der Tauchsäge die Schlitze vorschneiden und dann ausfräsen und die Einschraubmuffen einsetzen. Dann mit der Restekiste die alten Gratleistenlöcher und andere Löcher verfüllen. Man achte auf die korrekte Faserausrichtung! Die Gratleistennuten habe ich einfach mit den alten verschmälerten Gratleisten verfüllt aber nicht eingeleimt! Die Gratleisten haben ja absichtlich eine um 90 Grad gedrehte Faserrichtung gegenüber der Tischplatte. Was dem Durchbiegen zwar entgegenwirkt, aber fatal ist, wenn man es verleimt. Da Holz sich in Längsrichtung anders stark ausdehnt als in Querrichtung, würde bei einer vollständigen Verleimung im besten Fall die Leimfuge aufgehen oder die Querleiste würde die ganze Tischplatte sprengen.

Öl soll es sein

Drei Tage intensive Arbeit und schon war ich fast am Ziel. Natürlich durfte ausgiebiges Schleifen in allen Körnungsstufen nicht fehlen, bevor es an die Ölung ging. Beim Öl entschied ich mich für eine modernes Öl, das nur einen Schicht braucht und mit einem Härter arbeitet.

die Heimkehr

Verwunderte Blicke trafen mich, als nach nur einigen Tagen der alte neue Tisch heimkehrte. Sätze wie „ich dachte der Ersatztisch bleibt jetzt für ein paar Monate?!“ zeigten mir, dass die Kinder in allen Bereich ihren Tribut forderten, auch im Zutrauen zu Cultors Arbeitsfähigkeit. Doch es war tatsächlich geschafft und es wurden noch die neuen deutlich schmaleren Tischfüße montiert. Die Prämisse „der Tripp Trapp muss darunter passen“.

Hier stand es also, das jüngere Modell, deutlich erschlankt und wieder seidenmatt glänzend. Spektakulär was die Schweizer Kante an optischer Filigranität bringt und den ganzen Tisch auf ein ganz neues Niveau hebt. Neu und schlank kommt eben immer gut.

Der Ersatztisch war schnell abgebaut und sah nach den paar Tagen im Revier des Nachwuchses ärger mitgenommen aus, als nach 10 Jahren in einer Werkstatt. Cultor streichelte den Ersatztisch dankbar und ein versöhnlicher Gedanke reifte in ihm… bald schon würde das vermeintliche jüngere, schlankere und schönere Modell auch wieder den Pfad der Vergänglichkeit beschreiten. Und das beruhigte ihn.

Bis bald, euer Cultor

Massivholz Tisch Esstisch Kirsche Gratnut Stahlfüße
alter Tisch

Nachtrag:

Ja das ist die harte Realität…3mm PVC Adeckplatten die sogar mein Großmutter als naja bezeichnet hätte. Wenn ich in der Nacht aufwache sehe ich mir heimlich die Bilder des frisch geölten Tisches an und wische die Tränen ab

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